Keine „Generation Praktikum“

Hallstadt. Er ist jung und hat eine spannende berufliche Aufgabe – weil er Praktikant war. Stefan Walther (24) arbeitet seit einem halben Jahr als Versuchsingenieur für Türsysteme beim Auto-Zulieferer Brose. „Einen besseren Einstieg hätte ich mir nicht wünschen können“, sagt der studierte Kraftfahrzeugtechniker. Sein Werdegang zeigt: Wer schon im Studium Praxiseinheiten absolviert, kommt gar nicht erst in die Rolle des Studenten ohne Praxisbezug.
Zuweilen geistert der Begriff „Generation Praktikum“ wie ein Schreckgespenst durch die deutschen Medien. Gemeint sind Hilfsjobs oder aneinander gereihte Praktika nach dem Studium, die als „Notlösung“ aufgenommen werden, weil sich nicht gleich eine feste Stelle findet. Vielfach war vom „Ersatz regulärer Stellen durch Praktikanten“ und „Ausbeutung“ zu lesen.
Erster Job kurz nach dem Examen
Doch das entspricht nicht der Realität: „In vielen Fällen dient das Praktikum dazu, erste Kontakte zu späteren Arbeitgebern zu knüpfen“, hat Maike Reimer festgestellt. Sie arbeitet am Bayerischen Staatsinstitut für Hochschulforschung und Hochschulplanung (IHF) in München und befragte im Rahmen des „Bayerischen Absolventenpanels“ im November 2005 knapp 5000 Hochschulabgänger. Ergebnis: Über 60 Prozent der Jung-Ingenieure und Nachwuchs-Naturwissenschaftler hatten innerhalb von drei Monaten nach dem Examen den ersten Job, 80 Prozent nach einem Jahr.
Bei Hochschulabsolventen von Sprach-, Kultur- und Sozialwissenschaften wiederum dienen Praxiserfahrungen der beruflichen Orientierung und werden bevorzugt nach dem Examen absolviert. Doch auch hier stellte Reimer fest: „Diese Praktika werden oft von einer regulären Beschäftigung abgelöst.“ Die IHF-Umfrage zeigt: Nach rund drei Monaten haben gut 45 Prozent dieser Absolventen und nach einem Jahr annähernd 70 Prozent von ihnen die erste Stelle angetreten.
Kolja Briedis vom Hochschul-Informations-System (HIS) bestätigt: „Dauerpraktikanten sind die absolute Ausnahme.“ Bei technischen Fächern zahlt sich die frühe Ausrichtung auf den Beruf aus – wie der ehemalige Fachhochschulstudent Stefan Walther bestätigt: „Als mein fünftes Semester, das Praxissemester, näher kam, suchte ich im Internet nach Stellen und wurde schnell bei Brose fündig.“
Gute Kontakte sichern Berufschancen
Nach der Online-Bewerbung stieg er bald in die Versuchsabteilung für Türsysteme am Brose-Standort Hallstadt bei Bamberg ein – „ein sehr guter erster Kontakt“, sagt er heute. Das sah auch sein Chef so: Mit einer Spitzen-Bewertung wurde Walther in das Praktikantenbindungsprogramm aufgenommen. Er sammelte in einem weiteren Praktikum bei Brose wichtige Praxiserfahrungen und schrieb seine Diplomarbeit über Versuchs-Spezifikationen für Türsysteme.
Das sind gute Voraussetzungen für einen gelungenen Berufseinstieg: Im Oktober 2006 trat Walther seine erste Stelle als Ingenieur bei Brose an.
Quelle: Wirtschaftszeitung AKTIV, Ausgabe 8 (9. Juni 2007), Bayern-Teil